“Erlebte Geschichte” oder “Living History”

Living History (englisch für “gelebte Geschichte”) nennt man die Darstellung historischer Lebenswelten durch Personen, deren Kleidung, Ausrüstung und Gebrauchsgegenstände in Material und Stil möglichst realistisch der dargestellten Epoche entsprechen. Die Darstellung kann im privaten Rahmen oder bei öffentlichen Veranstaltungen stattfinden. [In der Museumspädagogik wird der Begriff ebenfalls verwendet, hier allerdings als Methode der „personalen Geschichtsinterpretation“.]

Der in den deutschen Sprachgebrauch übernommene Begriff Living History ist offiziell nicht exakt definiert. […] Im deutschen Sprachraum lassen sich […] folgende Abgrenzungen herleiten. Die Grenzen sind jedoch fließend.

  • Living History im engeren Sinne wäre z.B. die Darstellung eines fiktiven Tagesablaufes im Mittelalter, die Erbauung eines germanischen Hauses, die Vorführung alter Handwerkstechniken, das Nachkochen überlieferter Rezepte oder eine Alpenüberquerung in römischer Kleidung. Häufig ist die Vermittlung der dargestellten Inhalte an Zuschauer ein Ziel der Darstellung. […]
  • Experimentelle Archäologie. Hier versuchen Fachleute oder Laien, Techniken oder Abläufe, deren genaue Funktion nicht oder nur noch bruchstückhaft überliefert sind, praktisch nachzuvollziehen. [Dies bezieht] sich allgemein auf vergangene Lebenswirklichkeiten […].
  • Reenactment nimmt immer auf ein tatsächliches Ereignis in der Vergangenheit Bezug, indem z.B. eine konkrete Schlacht nachgespielt wird. Dabei tritt die Vermittlung an Dritte in den Hintergrund. […]
  • Die Mittelalterszene […] wird grundsätzlich dem Histotainment zugeordnet, doch ist sie nicht darauf begrenzt. [Die Historizität tritt gegenüber dem Spaß an historisierenden oder fantastischen Verkleidungen in den Hintergrund.]
  • LARP/Liverollenspiel, bei dem weniger bis gar kein Wert auf Authentizität gelegt wird. Hier findet die unwissenschaftliche Darstellung fiktiver Szenarien statt, dafür steht eher der Spaßfaktor für die Mitwirkenden im Vordergrund.

Gesichte und Charakteristika der Living History

Der englische Begriff Living History steht für den Versuch, fiktionale historische Stoffe, sogenannte generische Ereignisse unter wissenschaftlichen Voraussetzungen aufzuarbeiten. […] Nach Robin G. Collingwood kann Geschichte nur durch das Wiedererleben verstanden werden. Living History sollte daher nach seiner Auffassung “gelebte Geschichte” sein, die auf Basis eines wissenschaftlichen Ansatzes ganze geschichtliche Epochen verständlich und vermittelbar macht.

Ein frühes Beispiel für die mit Living History verbundenen Überlegungen gilt Guido Lists Buch Der Wiederaufbau von Carnuntum (Wien 1900). […] Lists Beschreibung der Gewandung als zentralem Element,welches einem ermöglicht die Zeiten zu wechseln und in ein andere Alter Ego zu schlüpfen, ist bis heute aktuell.

Living History soll auch Ausschnitte vergangener Lebenswelten „am eigenen Leib und ohne den Zwang der Nützlichkeit“ begreifbar machen. [Dazu soll es] an die Lebenswelt, die Erfahrungen und Erinnerungen der Besucher anknüpfen, Beziehungsgeflechte aufzeigen und den Besucher als ganzen Menschen wahrnehmen. Nicht Daten und Fakten, sondern der Mensch und seine Lernerfahrung sollten im Mittelpunkt stehen. […]

Living History wird in der Regel in Gruppen verschiedener Größe betrieben. Die Gruppen versuchen einen bestimmten Grad von Authentizität zu erreichen. Dabei reicht die Skala von sehr billigen Kleidern […] bis hin zu Gegenständen, die mit höchster Akribie nach originalen Vorbildern gefertigt werden. Als Vorlage für solche Arbeiten dienen gleichermaßen Museumsstücke, archäologische Ausgrabungsfunde und historische Bilder und Abbildungen. […]

Im deutschsprachigen Raum liegen die Wurzeln des Living History durch Laien vornehmlich in England, wurden aber auch durch amerikanische Soldaten in Deutschland gefördert. Erste Vorläufer waren Westerngruppen, die sich in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts gründeten. […]  Die Darstellung der europäischen Geschichte begann in Deutschland in den 1970er Jahren im Kontext der Hippiekultur und entsprechenden Strömungen in der Musik. […] In der Bundesrepublik ging die professionellere Darstellung in den 1980er Jahren aus der bereits etablierten Mittelalterszene hervor. Seit den 1990er Jahren kann man hier durchaus von einem Boom sprechen, wie die stetig wachsende Zahl von Internetseiten aus der Szene belegt. Man schätzt die Anhängerschaft in Deutschland auf mehrere zehntausend Personen, wobei ein Überblick nur sehr schwer zu erhalten ist. […]

Die Ursache für die Entstehung von Living History als intensiv betriebene Freizeitbeschäftigung ist neben dem grundsätzlichen Interesse an Geschichte vermutlich das Bedürfnis, […] aktiv mitzudenken und die eigenen Interessen und Gedanken einzubringen. Seit ihrer Entstehung in der Zeit der Hippies bilden Living History und Reenactment vor allem eine Subkultur für junge Leute, die so Gelegenheit finden, sich insbesondere durch die ungewöhnliche Kleidung von der übrigen Gesellschaft abzuheben. Dennoch sind beim Living History die Altersgruppen breiter gestreut als bei anderen vergleichbaren Subkulturen (wie etwa dem Liverollenspiel). Living History besitzt ein eigenes Vokabular und definiert sich immer wieder neu. Typisch sind auch die Konflikte in und zwischen verschiedenen Gruppen über den gewünschten oder angestrebten Grad der Authentizität.

Als bevorzugte Epochen der historischen Darstellung erwiesen sich bisher die römische Kaiserzeit, die keltische Bronze- und Eisenzeit und das Mittelalter. [...]Das späte 15. Jahrhundert ist ein weiterer Schwerpunkt, an dem sich die englischen Wurzeln ablesen lassen, da in England die Rosenkriege gerne nachgestellt werden. Die Zeit der Landsknechte wird ebenfalls dargestellt, wie sich einzelne Gruppen auch der Zeit des Dreißigjährigen Krieges widmen. Je nach Epoche kann auch der Ort der Inszenierung variieren: das aus einem Zeltplatz entstandene Indianercamp, die Landschaft um den Limes bis hin zum belebte Museumsdorf.

Die Zeit der Koalitions- und Befreiungskriege (sogenannte Napoleonik-Veranstaltungen) sowie das Nachstellen des amerikanischen Bürgerkrieges sind die späteren dargestellten Epochen, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. […]

Im Gegensatz zum englischsprachigen Raum wird das 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum kaum dargestellt. […]

Quelle: Wikipedia

 

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